Im Münster, links unter der Orgel, ist er an der Wand befestigt, der Straßburger Rohraff. Seit 1385 steht er da und ließ sich früher über Seilzügen von der Orgel aus betätigen. Dem Pfingsfest durchaus angemesssen - wie ich finde - beteiligte er sich lautstark an der Messe, so dass sich ein junger Stiftsherr namens Peter Schott beim Nuntius Roms höchstpersönlich beschwerte: „Irgendein Windbeutel aber hatte sich da hinter jener Figur versteckt. Er verrenkte die Glieder auf obszöne Weise. Mit schallender Stimme grölt er profane und unzüchtige Lieder. Damit übertönt er die Hymnen derjenigen, die gerade ankommen und in die Kirche ziehen. Er verhöhnt sie und lacht sie aus. Er zerstört nicht nur ihre Andacht und innere Erhebung, sondern verwandelt gar am Ende ihre Seufzer in schallendes Gelächter.“ (Rolf Johannsmeier: Spielmann, Schelm und Scharlatan (1984, 114).

Was war da los? Das Landvolk, viele Fischer darunter, zog eine Woche lang durch die Stadt, um den Sommer, die Fruchtbarkeit und Vermehrung im sogenannten Salmenlauf zu feiern. Das war ein „komischer, lärmender und maskierter Aufzug“ (ebd. 113) und sollte ausgerechnet in eine andächtige Gottesdienstfeier münden - mit einem Rohraff als Protagonisten! Der Salmenlauf kam in die Kirche und hörte nicht auf Salmenlauf zu sein, auch wenn dort schon längst die Messe gefeiert wurde. Da hatte es die Geistlichkeit schwer, wenigstens an einem Vormittag Ernst und Disziplin herzustellen, bei dieser lautstarken und populären Konkurrenz.

Am Ende stimmte gar das Kirchenvolk in sein Gelächter mit ein und übertönte die heiligen Handlungen des Klerus vorne im abgetrennten Chor: Schluss mit Seufzen und andächtiger Stimmung zu Pfingsten! Und warum auch nicht? Der Rohraff und der niedrige Klerus, der sich auch schon dahinter versteckte, darf doch ganz zu Recht und Pfingsten durchaus angemessen ein "Windbeutel" genannt werden.

Pfingsten ist in den christlichen Kirchen das Fest der Heiligen Geistkraft. Sie braust mal wie ein heftiger Wind oder wie ein sanftes Säuseln und gilt als Gottes Gegenwart. Gott also nicht fern und feierlich, sondern leicht und bewegend wie die Luft und belebend wie der Atem. Die Apostelgeschichte 2 erzählt, wie ein Brausen vom Himmel her, das verunsicherte Grüppchen von Jüngerinnen und Jüngern erfasst. Plötzlich verstehen sie nie gelernte Sprachen, nämlich die der vielen Pilger, die zum Wochenfest Schawuot in die Stadt Jerusalem gekommen waren. Schawuot wird 50 Tage nach dem Pessachfest als Erntefest und als Fest der Thora gefeiert. Da gab es wohl ein ziemliches Sprachengewirr. Trotzdem scheint es, als verstünden sich alle gut, ganz ohne Übersetzungshilften. Das Pfingstereignis schafft eine Gemeinsamkeit bei gleichzeitiger Fremdheit und Unterschiedenheit.
Die Geschichte ist also weniger ein Sprachwunder als vielmehr ein Hörwunder. Das Erlebnis ist beschrieben als spektakulär, wundersam und berauschend, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Verwirrung darüber ist so groß, dass Zweifel am Grund dieses Sprachengewirrs aufkommen. Und so ist der Spott auch nicht weit: „Sie sind mit Federweißem abgefüllt.“ (Apg 2,13)

Das Ideal, das hier beschrieben ist, muss wohl immer wieder neu gesucht werden, ist eben nicht selbstverständlich. Deshalb finde ich es ganz passend, dass zu Pfingsten zumindest in Straßburg eine Zeit lang ein Windbeutel brauste.

Der Rohraffe ist in den populären Geschichten und Versen der Protagonist der kleinen Leute, des ländlichen Volks (ebd. 198). Wie ein Machtkampf wirkt es. Hier das einfache, ungebildete Volk mit seinem Brauchtum und seinen Liedern, da die zunehmend gebildete Stadtbevölkerung; hier die vorchristlichen Bräuche mit ihrem ausgelassenen, auf Sexualität anspielenden Treiben, da das heilige Messeopfer; hier die Parodie und da die fromme Erhebung; hier das Kirchenschiff mit dem Volk und dem Affen, da der Klerus abgetrennt unter sich im Chorraum und doch massiv gestört. Ausgerechnet in der Kirche findet der Kampf über Sommerfest oder Pfingstfest statt. Aber der Rohraffe, er „hat“ (ebd. 118) sein Publikum und stört massiv die Hierarchie zwischen Klerus und Laien. Man wünscht sich mehr Durchlässigkeit.